Samstag, 21. Januar 2012

Astronauten und Superstars

Warum er sich diesen Tag ausgesucht hat? Sie fragt ihn nicht laut, weil es doch nicht der Moment ist, das Auto ist abgeschleppt, er steht da, sie sitzt da, er trägt seine Jacke. Sie trägt seine Liebe. Sie war mal in der Wüste, mitten in der Sahara, sie hat dort gesessen. Vielleicht für eine Stunde. Da war nicht viel. Sie und ihre Gedanken.

In ihren Gedanken war ein Mensch. Der schön war und ihre Hand nahm und los wollte, der ein Ganzes war, weil weniger oder die Hälfte einfach nicht ging.

Er wirft sein Telefon auf den Tisch.

Da schau mal. Ein Termin. Ein Termin, denkt, sie, und dreht das Display ein bisschen. So kann sie es besser lesen.

Meinst du das ernst, fragt sie. In seinen Augen liegt die Farbe der Ostsee.

Ja. Natürlich, sagt er. Das Telefon liegt auf dem Tisch. Er zittert ein bisschen.

Komisch, dass sie das jetzt noch weiß.

Plötzlich reich

Der Busfahrer bremst und das schwarze Mädchen mit den langen Haaren fällt zurück auf ihren Sitz. Eine alte Frau steht auf und geht vorbei, sie ist schon ein bisschen wackelig auf den Beinen. Das Mädchen schaut auf den Platz gegenüber. Dorthin, wo die alte Frau eben noch saß. Sie greift auf das Polster und springt aus dem Bus, der alten Frau hinterher. „Hier, haben Sie verloren“, sagt sie und drückt der Frau ein paar Münzen in die Hand. Die Frau schaut dem Mädchen hinterher, das die Treppen zur S-Bahn runterläuft. „Aber das gehört doch gar nicht mir“, sagt sie leise und schaut erstaunt auf die Geldstücke in ihrer Hand.

Montag, 22. August 2011

Zwischen Kisten und Kartons

Die Sonne ist schwach, als sie zum Auto gehen, und erst wollte A. nicht. Es ist zu spät, sagte er, wenn wir ankommen ist die Sonne längst weg. Dann hat er überlegt. Dann ist er eingestiegen. Dann hat er rausgeschaut, in den Himmel geschaut, der jetzt beschleunigt, "in großen Momenten", liest sie, "sind die Menschen immer Zwerge". Und alles geht weiter, denkt sie, weil alle gerade hier sind, weil alle lachen und weil alle das Hier sind.

Zwei Tage zwischen Kisten und Kartons, zu Mayer Hawthorne und Shugo Tokumaru, bei McDonalds und Max Bahr. Mit schmutzigen Füßen, zur Halbzeit auf dem Boden - jeder Kuss eine Einladung zum Spielen. Die ersten Bücher in den Kisten. Die Fußballtrikots. Er breitet sie vor sich aus wie etwas sehr Kostbares, er streicht über den Stoff und legt die Ärmel nach innen, einen nach dem anderen. Sie schaut ihm zu und staunt. Wie schön er ist. Wie schön dieser Tag ist.

Dann brechen sie auf, fahren mit dem Auto, fahren einkaufen, der Abend zieht ihnen sanft an den Haaren. Ihre Köpfe sinken zurück in die Sitze. Sie trinken ein Bier, an den Fenstern gehen Menschen vorbei. Als sie nach Hause fahren, klingelt das Telefon.

Ich werde immer auf dich aufpassen, sagt er und schaut ernst, sie hat Tränen in den Augen. Die Erinnerungen kommen zurück wie Postkarten aus einem lang vergessenen Land. Sie liegen vor ihr, sie kann nichts dagegen tun. Da nimmt er ihre Hand und küsst sie, bis die Sorgen herausrieseln, über die Treppenstufen, die nicht aus Holz sind, hinein in den Hafen, ins Wasser, da verschwindet so vieles. Nur nicht dieser Abend.

Es ist spät, als sie auf dem Balkon sitzen. In seinen Augen sind die Sterne. Sie sind Filialen des Himmels, hier unten auf der Erde, und da sagt er einen Satz, der so schön ist, dass er groß und leuchtend in den Himmel steigt.

Vielleicht ist er sogar der Mond.


Dienstag, 9. August 2011

Versprochen

Als sie sich spät in der Nacht gegenüber liegen, da tragen sie nichts auf der Haut als das Salz der Wellen, in denen sie eben noch schwammen, es ist still in der Wohnung. Von draußen hört man den Regen auf die Blätter fallen. Ein Sommer in Hamburg, der sich viel Mühe gibt, keiner zu sein. Nur am Strand war der Wind. Dort ist er geblieben, wie die Wellen, die mit ihnen an Land gingen, als es kalt war und sie liefen, um schnell zu ihren Handtüchern zu kommen, und liefen, bis der Himmel aufriss. Er sagte, wir sind Glückskinder, da hielt sie schon ihr Gesicht in die Sonne. Ja, dachte sie und lehnte sich an seinen Rücken, zwei Glückskinder in Handtüchern. So ist es doch schön.

Er küsst sie. Er nimmt ihr Gesicht in seine Hände und küsst sie, er ist immer so zärtlich. Der zärtlichste Mensch auf der Welt. Ganz kurz spürt sie die Wellen in ihrem Körper, aber vielleicht sind sie auch nur hier, in seinen Händen, in seinem Blick.

Sie wissen nicht, wer ihnen diesen Schatz in die Hände gelegt hat. Sie sagt, ich werde darauf aufpassen. Er sagt, uns kann doch gar nichts passieren. Sie liegen sich gegenüber, noch immer ist es still in der Wohnung. Die kleine Kugel aus Kristall kann niemand sehen. Sie wird nicht kaputt gehen, sagt er, da kann ein Panzer drüber fahren, wenn wir nur darauf aufpassen, sie schaut in seine Augen. Ich passe auf, sagt sie, ich verspreche es. Sie hält ihm ihre Hand entgegen. Er nimmt sie und drückt so fest er kann. Die Kugel aus Kristall, die darin liegt, ist glatt und glitzern. Und niemand kann ihr etwas tun außer den beiden, die sie von nun an bei sich tragen.

Montag, 18. Juli 2011

Die gelbe Waschmaschine, oder: 23 Jahre und nichts für die Unsterblichkeit getan

Sie hat sich in die Küche gesetzt, an diese Stelle zwischen Kühlschrank und Fenster, wo es meistens hell ist. Oder wenigstens still. Hier sitzt sie immer, wenn sie schreibt.

Immer, das ist so ein Wort. Das mag er auch gern, denkt sie, und dass er vielleicht geantwortet hat, ein bisschen Zeit ist ja vergangen. Sie klappt ihr Laptop hoch und öffnet ihr Mailprogramm und tatsächlich: Da ist eine Antwort. Lena ist aufgeregt.

Leni, schreibt er, ganze ohne Liebe. Ich brauche immer ganz dringend Vollmilch in meinem Kaffee. Und Zucker. Ich mag es nicht, wenn der Kaffee fertig gekocht ist, aber keine Milch mehr da ist. Ich koche den Kaffee immer in einer Espressokanne. Und ich mag es überhaupt nicht, wenn Milch da ist, aber kein Feuerzeug, um den Gasherd anzuzünden. Ich wohne nämlich mit zwei Rauchern zusammen. Die beiden stecken immer!!! das Feuerzeug ein, das neben dem Gasherd liegt. Diese Halunken. Jetzt habe ich das Feuerzeug mit einer Schnur am Gasherd festgebunden.
Jan.

Sie sagt den Namen laut vor sich hin: Jan. Wie das klingt. Es freut sie, wenn Namen aus einer Silbe bestehen. Sie steht auf und stellt sich an den Herd. Es ist schon spät, sie hat noch einmal Hunger bekommen. Soso, denkt sie, die beiden Halunken, vielleicht sollte ich Nudeln kochen. Da bleibt immer etwas übrig. Sie greift nach der neuen Packung im Schrank über dem Herd.

Gestern war sie einkaufen gegangen, mit leerem Magen, Dosenfisch stand auf der Liste, Schokolade und Nudeln. Als wenn sie ihre Wohnung tagelang nicht verlassen würde. Doch am dringendsten hatte sie Wasser gebraucht. Die Kästen waren leer, schon seit Tagen. Am Häuschen für die Einkaufswagen stand er plötzlich da. Er trug eine Cordhose und ein blaues Hemd mit kurzen Ärmeln, er ist bestimmt viel draußen, dachte sie, als er mit seiner Hand nach dem Einkaufswagen griff. Es war der letzte. Seine Haut war glatt, fast bronzefarben. Sie stellte ihre Wasserkisten auf den Boden.

Er drehte sich um und schaute sie an. Dann die Kisten. Dann wieder sie. „Und jetzt?“, fragte er und lächelte. „Das weiß ich auch nicht“, sagte sie und kaute an ihrem Daumennagel. Wir könnten uns den Wagen ja teilen, dachte sie, aber sagte es nicht. So etwas würde sie niemals sagen. Und dann beginnt der Film.

Er schaut auf den Boden und dann in ihre Augen. Wie alt er wohl sein mag, denkt sie, er sieht ja aus wie ein Junge. „Ja, machen wir das“, sagt er und lacht. „Dann kaufen wir wohl eben zusammen ein?“
Immer ist er am Lachen.

Jan drückt einen Euro in den Münzschlitz. Er stellt ihre Wasserkästen in den Wagen. Die Tasche mit den leeren Colaflaschen behält er bei sich. Gemeinsam gehen sie durch die Drehtür des Supermarkts. Er fragt kommst du aus Hamburg. Sie nickt.

Im Getränkemarkt geben sie ihre Flaschen zurück und bekommen das Pfandgeld. Dann gehen sie durch die Gänge. Lena stellt zwei volle Wasserkisten in den Wagen. „Wie heißt du eigentlich“, fragt sie. „Ich heiße Jan“, sagt er und holt eine Kiste Cola. Dann müssen sie zahlen. Die Frau hinter der Kasse nimmt den Barcodeleser aus der Halterung und zieht ihn zu den Kisten. „Die gehen getrennt“, sagt Lena, und dann, um es ganz deutlich zu machen: „Wir zahlen getrennt.“ Die Frau hinter der Kasse schaut verständnislos. Jan schaut in den Wagen. „Tja, Beziehungskisten“, sagt er ein wenig leise und dann ein paar Sekunden lang gar nichts. Sie sagt, das hast du eben nicht wirklich gesagt.

Lena schaut auf, da steht sie schon in ihrer Küche. Die Nudelpackung liegt auf der Herdplatte. Das Licht im Kühlschrank ist hell. Viel ist ja nicht mehr da, denkt sie, ein Stück Käse, ein Schluck Sekt und ein paar Himbeeren. Dann ist das eben mein Abendbrot. Ein Tag ist das gewesen, sagt sie, oder ich war dieser Tag. Sie löst ihre Haarspange, das braune Haar fällt ihr in Locken auf die Schultern. Im Radio singt ein Sänger aus Frankreich, sie hat den Namen nicht verstanden. Der Klang seiner Stimme ist ruhig und fließend. Fast als würde er eine Geschichte erzählen. Der Sekt brennt in ihrem Magen. Sie setzt sich ans Laptop.

Ich hätte ihm nicht schreiben sollen, denkt sie. Ich kenne ihn doch gar nicht. Vor dem Supermarkt hatte er ihr seine Mailadresse gegeben, dann war sie nach Hause gefahren. Hatte die Wasserkisten in die Wohnung geschleppt, die Kräuter gegossen, sich in die Küche gesetzt.

Dieser Zettel mit seiner Adresse.

„Hast du noch Milch gekauft? Fragt, sehr neugierig - Lena.“
Wenn man schreibt, dann nur diese zwei Sätze, denkt sie.

Sie liest noch einmal seine Antwort. Sie mag sehr, wie er schreibt. Von seiner Küche, dem Gasherd und den beiden Halunken. Da sieht sie, dass an seiner Mail ein Foto hängt. Der Anfang einer schönen Zeile: ein Kühlschrank mit geöffneter Tür, eine Tüte Milch und eine angebrochene Konservendose. Das ist ja seltsam, denkt Lena, sie schaut lang auf das Bild. Er hat doch tatsächlich eine gelbe Waschmaschine.


Dienstag, 14. Juni 2011

Zurück

Dieser See, in dem ich als Kind schwamm, ist dieser See, an dem ich als Mädchen saß, ist dieser See, an dem ich jetzt friere, obwohl ich erwachsen bin, so fühlt es sich an. Ich sehe meine Arme, wie sie weit vor mir ins Wasser greifen. Ich bin schnell. Ich kann gut schwimmen.

Es ist ein Körper da, aber ich spüre ihn nicht. Ich schaue in die Wolken und sehe sie nicht. Ich schließe die Augen und denke, dass sie etwas sind, das irgendwann mal irgendwas ergibt.

Ich merke, dass niemand friert außer mir. Ich gehe zum Auto, um eine Decke zu holen. Ich komme zurück, alles ist wie vorher. Du liegst da und liest Truman Capote.
Vielleicht, denke ich, ist das alles hier sehr bald vorbei.

Mittwoch, 24. November 2010

Mit Florfliegenflügeln


















Es gibt Dinge, die werde ich mein Leben lang haben, seit gestern weiß ich: Mein Käfer-Kaleidoskop gehört dazu. Immer wieder muss ich es absetzen, ich verstehe nicht, dass es so etwas gibt - Kartoffelkäfer und Puppenräuber, Maikäfer und Feldsandläufer und alle ganz dicht vor meinen Augen. Am liebsten mag ich die Florfliegen. Die kommen, wenn die dicken Käfer nicht da sind. Nur dann filtern ihre milchigen Flügel das Licht.


Neulich habe ich mich gefragt, ob auch wir so sind oder vielleicht unser Leben. Ob auch wir nur sind, was der Augenblick ist, woraus er sich gerade zusammensetzt. Aus den Menschen, die da sind (oder fehlen), die gerade etwas gesagt haben (oder schweigen), das Dunkel (die Gedanken), die Trauer (das Glück), die Ruhe (die Suche). Und all das andere, das sonst noch so ist.


Aber wenn das so ist, dann muss man sich einfach nur drehen. Dann ist das Leben gleich neu und alles auf Anfang und wie es aussieht, bei allem: kein Ende.



Donnerstag, 18. November 2010

Die Koffer voller Fragen

Libellen fliegen nicht mehr, sagt Astrid, das ist nun mal so, das können wir nicht ändern. Was ändern, frage ich, das Gesetz der Natur, sagt sie, es wird doch bald Winter.

Jetzt ist Dreiuhrkonferenz. Ich bin müde. Die Nächte ohne Schlaf stehen um mich herum wie volle Koffer. Ich schleppe sie mit, wohin ich auch gehe.

Woran denkst du, fragt Astrid, dann kommen die Seiten.

...

Sie hat es nicht kommen sehen. Wie hätte sie auch. Ständig am Wegfahren und nirgendwo richtig, nicht bei sich, nicht bei der Arbeit, nicht bei ihm.

Dann hat er es einfach beschlossen. Hat alles für ein Kichern des Schicksals erklärt, für den Kuss auf die Stirn von irgendwem. Sie war zufällig da. Glück fühlt sich anders an, hat sie am Ende gedacht, doch gesagt wie immer nichts.

Mit der Stirn gegen die Wand, jede Nacht. Die Fragen bröckeln herunter. Sie packt ein paar davon in die Koffer.

Im besten Fall hat er das mit dem Winter nicht gewusst. Im schlechtesten war es ihm einfach egal.